Die Wahrheit hinter dem Silberahorn

Auf dem Brüggener Kreuzherrenplatz steht seit etwa 40 Jahren ein Silberahorn. Veranlasst wurde die Pflanzung durch den damaligen Gemeindedirektor, von dem die Mär geht, er habe Bäume nach ’schön‘ und ’nicht schön‘ unterschieden und so entschieden, welche Baumarten für innerörtliche Lagen geeignet seien. Bei dem aus dem Osten der USA stammenden Silberahorn (Acer saccharinum) irrte der Experte ebenso wie bei den im Brachter Ortskern fehlgepflanzten Türkischen Haselbäumen.

Der Silberahorn ist nämlich ein Flachwurzler und benötigt für einen sicheren Stand mindestens die gesamte Fläche unterhalb seiner ausladenden Krone. Nicht richtig ist die kürzlich in der Lokalpresse verbreitete Information, der Silberahorn bilde nach einigen Jahren eine Pfahlwurzel aus und gewinne so Standfestigkeit. Richtig ist vielmehr, dass die Wurzeln des Baumes ausschließlich in die Breite gehen und der Baum ohne breite Wurzelfläche früher oder später umfällt.

Nun sind diejenigen, die das Märchen von der Pfahlwurzel verbreiteten, erstens ganz fürchterlich mit Wahlkampf beschäftigt und zweitens mindestens ebenso schlechte Baumexperten, wie der selige Gemeindedirektor. Ein Anruf bei der örtlichen Baumschule hätte ausgereicht, um sich eines Besseren belehren zu lassen, doch muss die Frage gestattet sein „wollte man das überhaupt?“. Wir erhielt bei der Baumschule bereitwillig Auskunft, so dass das Märchen von der Pfahlwurzel im besten Fall als selbstverschuldete Unwissenheit, im schlechteren als bewusste Wählerverdummung gesehen werden darf.

Stellt sich die Frage, ob und warum der Silberahorn auf dem Kreuzherrenplatz nun gefällt wird. Dafür sprachen sich 2016 die Mitglieder des Bauausschusses einstimmig aus. Unter den Befürwortern damals einer der beiden heutigen Kreistagskandidaten der Partei, die sich nun rührend um den armen Silberahorn sorgt. Der zweite Kreistagskandidat gleicher Farbe führte bei Fraktionssitzungen Protokoll. Zwar findet sich zur Neugestaltung des Kreuzherrenplatzes dort regelmäßig das Thema ‚Bäume‘ (Mehrzahl!), gemeint sind zum überwiegenden Teil jedoch die 13 neuen Bäume, die rings um den Platz als Ersatz für den einen Silberahorn gepflanzt werden. Erhalten bleiben neben der prachtvollen Blutbuche auch die drei Linden an der Parkplatzseite.

Entwurfsplan der beauftragten Planungsgruppe Scheller, Quelle: Ratsinformationssystem http://ris.brueggen.de/ – es werden noch vier Bäume mehr gepflanzt werden, als auf diesem Plan vom vergangenen Januar zu sehen sind.

Grundlegend für die heiße Wahlkampfluft waren übrigens die damaligen Gespräche zwischen Vertretern der Ratsfraktionen von Grünen und CDU. Weil die CDU bereits seit geraumer Zeit auf eine Neugestaltung des Kreuzherrenplatzes drängte, sollte ‚möglichst viel Grün‘ auf dem Platz ausgehandelt werden. Beschaut man sich die aktuelle Planung zur Platzgestaltung besticht diese durch viel innerörtliches Grün und lässt auf ein wesentlich angenehmeres Mikroklima hoffen, als dies ohne Umgestaltung des Kreuzherrenplatzes möglich wäre.

Deshalb die Frage, warum es überhaupt notwendig ist, den Kreuzherrenplatz zu überarbeiten. Unter anderem auf wiederholt vorgetragene Bitte des Brüggener Behindertenbeauftragten soll die Fläche zur Klosterstraße hin barrierefrei abgesenkt werden. Den Grundlagenentwurf dazu fertigte bereits 2013 Stadtjournal-Verleger Manuel Uebbing an. Im Gemeinderat befürworteten alle Parteien und Wählergemeinschaften den „Uebbing-Plan“. Schon bei dessen Erstellung war bekannt, dass das Kirchportal mehr als einen Meter höher liegt, als die Klosterstraße. Soll hier Barrierefreiheit hergestellt werden, würden die Wurzeln des Silberahorn 50 bis 80 Zentimeter hoch in der Luft schweben.

Das Portal der Nikolaus-Kirche liegt mehr als einen Meter höher als die Eingangstür zur Gaststätte Burghof.

Bleibt abschließend festzuhalten, dass man erstens immer vorsichtig sein sollte, wenn Parteien im Wahlkampf nur ein einziges Thema haben, dieses aber mit Empörtheit und Unterschriftenlisten in die Öffentlichkeit tragen und zweitens, dass während Ihrer Lektüre dieses Textes im Naturschutzgebiet Brachter Wald durchschnittlich zwei Bäume ganz von alleine umgefallen sind.

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